Das Märchen von den Farben

Es war einmal. Ganz am Anfang. Da war die Erde wüst und leer und gehüllt in Dunkelheit.
Es gab kein Licht, keine Farben. Nur alles umhüllendes, alles bedeckendes Schwarz.
Und Gott sprach: „Es werde Licht!" Und Licht wurde. Gleißend hell. Und Gott schied das Licht von der Finsterniss. Und er schuf den Rhythmus von Tag und Nacht. den Gegensatz von Schwarz und Weiß. Und alle Schattierungen von Grau. Und mit dem Licht kamen die Farben. Im Regen brach sich das Weiß. Der Regenbogen überspannte die Erde. Farbe kam in die Welt. Das ganze Spektrum. Und die Menschen sahen die Farben und sprachen: „Wie schön! Gott mag es bunt! Wie schön, wie bunt ist unsere Welt!"

Und sie sagten: "Das Schwarz der Nacht stehe für die Dunkelheit von Leid und Tod. Das Weiß reinen Lichts für Unschuld, Versöhnung und Neuanfang. Rot, die Farbe des Blutes und der Rosen, stehe für Leben und Liebe. Aber auch für die Leidenschaft, den Zorn und die Wut. Das Grün der Pflanzen stehe für die Hoffnung des Lebens auf Zukunft. Das Blau des Himmels stehe für Glauben und Treue. Das Gelb der Sonne für Freude und Licht, aber auch für Neid , Geiz und Missgunst - wenn andere es leichter und heller und schöner haben als wir." Und so wie Gott die Erde mit Farbe füllte, füllten die Menschen die Farben mit Sinn.
Und sie gaben den Farben Bedeutung. Und im Spektrum des Regenbogens spiegelte sich das Spektrum ihrer Seele.

Und wie sie so saßen und sprachen und Farbe um Farbe mit Sinn füllten und mit Bedeutung versahen, trat plötzlich ein Kind in ihre Mitte. Mit großen Augen sah es sie an und fragte:
Und was ist die Farbe der Kinder?" - Die Farbe der Kinder?" Verwirrt sahen die Erwachsenen sich an. „Hm ... ja ... die Farbe der Kinder ..." Und sie schauten und überlegten und dachten nach, welche Farbe wohl noch übrig wäre.

Violett? Nein, das war schon vergeben. Die Mischung aus Rot und Blau, aus der Farbe der Liebe und des Himmels, hatten sie längst der Kirche gegeben. Braun? Nein, Braun stand für Mutter Erde. Und noch niemand ahnte, dass es einst für die Vergötzung von Vaterland, für „Blut und Boden" , für Rassenwahn und Massenmord stehen würde. Vieleicht Gold? nein, Gold stand für Macht und Reichtum - und wer ist machtloser und ärmer als ein Kind!?

ich weiß nicht: War es ein alter Mann, eine Mutter, war es das Kind selbst, das plötzlich sagte: „Orange! die Farbe der Kinder sei das Orange! Die Mischung aus dem Rot der Liebe und des Lebens und dem Gelb der Freude und des Lichts - ist das nicht die richtige Mischung für die Farbe der Kinder!?" -"Ja", sagte ein anderer: „ Die Farbe des anbrechenden Morgens! Das ist eine gute Wahl für die Farbe der Kinder!" Und ein Philosoph fügte hinzu: „Orange! Eine Farbe, die wohl tut, weil sie alle Konflikte entspannt, leicht und heiter die frohe Seite des Lebens zeigt - wie Blau, seine Gegenfarbe, den Ernst. Wenn eine Farbe frei von jedem Ernst ist, dann Orange!" Nun ja. So sind sie, die Philosophen ...

Das Kind, so schien es, war zufrieden mit dieser Wahl! Wird nicht Orange schneller wahrgenommen als jede andere Farbe? Bietet Orange nicht Schutz vor den Gefahren des Lebens und in der Dunkelheit? „Wartet nur ab!" dachte das Kind und lächelte still vor sich hin. „leicht und heiter und frei von jedem Ernst!? Ihr werdet schon sehen! Besser, ihr nehmt uns ernst! Schließlich ist Orange nicht nur die Farbe des anbrechenden Morgens, sondern auch die Farbe der Abenddämmerung. Anfang und Ende, Herkunft und Zukunft des Lebens: Gehört nicht beides den Kindern? Wurde nicht Gott selbst ein Kind, um seiner Welt Licht und Liebe zu bringen, diese Mischung aus Gelb und Rot, das Orange der Kinder!?" Und während die Großen sich weiter in philosophischen Spekulationen über die Bedeutung der Farben ergingen, pflückte das Kind eine Orange vom Baum und tanzte fröhlich hüpfend in den Sonnenuntergang hinein ...

(Volkmar Hamp)